"Ich und Johnny Rotten"


Wie jeder andere auch bin ich mit den Beatles und den Rolling Stones aufgewachsen, wobei ich die Rolling Stones schon wegen Mick Jaggers Tellerlippen immer ein wenig verdächtig fand. Die erste Single, die sich auf meinem Mister Hit, dem  primären Zugang in die Welt des  Musikgenusses drehte, war Mexico, von den Les Humphreys Singers.

Aber wie es so geht, ich war 14, die Tage wurden dunkler, die Nächte einsamer und  in diesem märchenhaften Schreckenszustand der Pubertät, als alle Monster und alle Engel zugleich erwachten, begann plötzlich auch die Welt Kopf zu stehen.

Von allen Seiten mehrten sich die Anzeichen dafür, daß ein düsteres, brutales Ende bevorstand. Ein blutroter Faden der Gewalt legte sich plötzlich durch mein Leben.
Der erste Nasenbeinbruch hatte deutlich mehr Schmerzen verursacht, als der erste Kuss: Es war der Zeitpunkt, an dem ich alle Simon-and-Garfunkel-Platten auf dem Flohmarkt verkaufte, und meine von Herman Hesse inspirierte rhetorische Friedensmission in Armeeparker und langen Haaren, mit meinem ersten absichtlich geführten Faustkampf, für ein Mädchen, für Gott, beendete.

Es gab eine diffuse Haltung der inneren Aggression, gegen mich selbst, und gegen die Welt. Elvis war gestorben und  Stayin Alive“ von den Bee Gees führte die Hitparaden an.

In dieser finsteren Atmosphäre einer Interimsleere wand sich mein erwachendes staatsbürgerliches Bewusstsein, das nach Idealen suchte und wenn’s auch die Falschen waren, unter dem Sound und dem obszönen Hüftschwung eines „Deutschen Herbstes“.

Der Mord an Buback und Ponto, die Entführung von Schleyer war zu beklagen, und gleichzeitig in den frommen Chor der Mahner einzustimmen, wie Böll, der Salinger schlecht übersetzt hatte,  und mit anderen Künstlern und intellektuellen Fackelträgern vor dem Abbau des Rechtsstaates warnte.

Die Stimmung war explosiv.

Irgendetwas musste geschehen, wusste ich, wenn ich abends neben meinem Skateboard einschlief, mit blutigen Knien und ohne Freundin.

 

In diesem Augenblick klopften die Sex Pistols in unserer bescheidenen Kieler Etagenwohnung an. Meine Mutter war gerade nicht da. 

Sie betraten das Wohnzimmer und setzten sich für einen kurzen Augenblick ganz ruhig  an den Esstisch. Sie trugen Chucks, Lederjacken, zerrissene „I hate Pink Floyd“- T-Shirts und rostige Ketten um den Hals. Sie waren in einer Boutique auf der Londonder Kings Road designed worden. Sie waren eindeutig nicht echt. Genauso wie ich.

 
„Blöder Wichser“, sagte ich zu Johnny Rotten.

 „Vergiß die Wichser, hier sind  die Sex Pistols!“, antwortete Johnny. Er war  relativ klein, rothaarig und sommersprossig, ein keltischer Typ, picklig, so jemand war bereit zuzuschlagen, die Welt in Hass, Spott und Häme zu ertränken, nur damit man vergaß, wie scheiße er aussah.

Aber das Beste war die Musik. Ich hatte es lange geahnt: Stücke, die länger als 2,5 Minuten dauerten, waren gelogen. Paul McCartney hatte sich mit den Wings und seinem Song Mull of Kintyre endgültig in die Sofaecke meiner Großmutter manövriert, und pompöse Rockbands  wie Genesis oder  Yes  gehörten in das Reich meines Cousins Rolf, der in seinem Zimmer mit lila Licht und  Haschischpflanzen vegetierte und den ganzen Tag auf seinen Bongos spielte.

Alle meine Freunde hatten auch Besuch von Johnny bekommen. Wir stachen uns Sicherheitsnadeln durch die Wangen, hausten in Heizungskellern, in der Hamburger Markthalle, in Abbruchhäusern und bereiteten uns nur noch nebenher auf unser Abitur vor.

Ich trug ein halbes Jahr lang ein T-Shirt, das buchstäblich in meinem eigenen Blut erstarrt war, nachdem ein besonders fetter Teddy-Boy und seine Freunde mich durch die Hamburger Innenstadt gejagt hatten, um mir ihre Fahrradketten und  ihre Creepers ins Gesicht zu pflanzen.

Ein paar Rocker retteten mich, ich trank noch mehr Bier und stellte plötzlich fest, daß viele meiner Punk-Freunde orientierungslos im Eingangbereich von Supermärkten, an städtischen Brunnen und in Einkaufspassagen herumlungerten  - die Sex Pistols hatten sich vor ein paar Wochen aufgelöst.
Sid Vicious war tot und Johnny Rotten hatte eine Band gegründet, die mit Synthesizern experimentierte, obwohl das andere viel besser konnten.

Ein versprengter Haufen der Jungs aus meinem Stadtteil und ich gründeten jetzt selber eine Band, aus lauter Trotz darüber, daß die Dinge zu Ende gingen, und nichts blieb, das Echte nicht und das Unechte auch nicht.

Wir benannten uns nach dem legendären Kunstwerk eines epileptisch-depressiven Werbegrafikers Der Lustgalgen und begründeten die Avantgarde neu. Keiner von uns konnte wirklich spielen, ich hatte zwar drei Jahre lang klassischen Gitarrenunterricht bekommen, traute mich aber nicht, das zuzugeben.

Neben uns traten Stars der Kieler Szene auf, auch der stilistisch Schärfste von allen, ich nenne ihn mal Schorsch, der heute in Haidhausen in München als Postbote arbeitet, immer noch wie ein Rockstar aussieht und immer noch Musik macht. Schorsch hat jede Platte von damals aufbewahrt, jedes Tape, jede Erinnerung und trägt jetzt ständig zu Tarnungszwecken eine Schiebermütze. Ich halte ihn für einen  konspirativen Punk-Zombie, jemand, der in einem düsteren Münchner Keller mit lauter bärtigen Männern DAS ERBE verwaltet, um irgendwann wieder loszuschlagen, wie Johnny.

Was Johnny uns wirklich sagen wollte, hat mir im Jahre 2004, kurz nach Johnnys Auftritt in  der englischen Version von Dschungelcamp ein ukrainischer Punk  in Moldawien verraten, mit dem ich gerade auf einer Spritztour durch die Vororte von Kishinev war, in denen es aussah wie nach einem Bürgerkrieg.

An einer skelettierten  Bushaltestelle frühmorgens standen Pendler in Anzug und Krawatte und junge  Girls mit Zehnzentimeterabsätzen. Inmitten dieser Vorortkraterlandschaft, neben der Bushaltestelle, lag ein toter Hund, der von einem lebendigen Hund, der es halt nicht besser wusste, gefickt wurde.

Niemand an der Bushaltestelle achtete auf die morbide Liebesszene.

 „Das – das ist Punk“ schrie euphorisiert neben mir Andreij, Johnny Rottens letzter Fan, dem gerade klar geworden war, was Johnny ihm hatte sagen wollen, all die Jahre und was er bislang nie begriffen hatte.

 „Kruta!“, brüllte ich „Cool!“.


Johnny Rotten hatte sich im Dschungelcamp mit einem silikongefüllten Vakuum gezofft, das allein mit einem Blowjob in einem öffentlichen Taxi mehr Geld verdienen konnte als die Sex Pistols in ihrer ganzen Karriere.

So sah es mittlerweile aus in der Welt.

Und dann, es war auf einer Gasteig-Toilette während des Münchner Filmfests, trat beim Pinkeln ein Unbekannter neben mich und wir extemporierten beflügelt von einer Scorsese-Retrospektive, den halben Dialog von Taxi Driver, ohne uns auch nur ein einziges Mal anzusehen.

 „Die Einsamkeit hat mich mein ganzes Leben lang verfolgt”, sagte der Typ.

 ”Überall. In Bars, in Autos, auf der Straße, in Geschäften. Überall“, setzte ich fort.

 „Es gibt kein Entrinnen. Ich bin Gottes einsamster Mann“, schloss der andere punktgenau.

Ich nickte ihm zu. Es war Johnny.

Wir tauschten einen verlegenen Blick.

 „Das ist das Ende einer kurzen Freundschaft, Johnny“, sagte ich.

Er nickte mir zu. Dann wuschen wir uns die Hände und gingen beide unserer Wege.

 



Weiterlesen in Punk Stories, erschienen bei Langen/Müller.