HILDEGARD HAMM-BRÜCHER: Ich bin erst sechs Jahre alt, und der Weg auf das Zehnmeterbrett war lang und schwierig. Die Luft ist jetzt ganz dünn, so als hätte ich die Welt dort unten mit ihren freundlichen Gerüchen ganz und gar verlassen. Das Geschrei der anderen Kinder ist ein fernes Flüstern.

Mein Traum führt mich zurück in die Zeit meiner Kindheit. Ich stehe wieder auf dem Zehnmeterbrett des Freibades Krumme Lanke in Berlin-Wannsee. Viele Familien kommen hier her. Es ist ein kleines Paradies, in dem es nach Honigbroten und Sommer duftet.

1927, ein Wochenende, endlich, ich bin nicht mit unserem strengen Kindermädchen Annemarie gekommen, sondern mit Vater, der immer nur so wenig Zeit hat. Ich bin erst sechs Jahre alt, und der Weg auf das Brett war lang und schwierig. Die Luft schien sich von Stufe zu Stufe zu verändern, und jetzt ist sie dünn und unbekannt, so als hätte ich die Welt dort unten mit ihren freundlichen Gerüchen ganz und gar verlassen. Das Geschrei der anderen Kinder ist ein fernes Flüstern, einige schauen gebannt zu mir herauf. Ich habe mich gefürchtet, als ich die Stufen hochgestiegen bin. Aber mein Vater dort unten in seinem großen weißen Bademantel lässt mich nicht aus den Augen, und ich habe meinen Blick fest auf ihn gerichtet, denn ich weiß, dass er mich beschützen wird bei jedem meiner Schritte.

Dann springe ich. Für einen Augenblick ist es, als könnte ich fliegen. Ich bin losgelöst von allem und habe meine Angst überwunden. Ich weiß, dass mein Vater stolz auf mich ist.

Am 17. Dezember 1931 hat meine Kindheit ein Ende. Vater ist gestorben. Meine Mutter sagt es mir am frühen Morgen, während ich meine Schuhe putze, das Dunkel der Nacht ist noch nicht ganz vorüber, und nun senkt sich für eine lange Zeit ein großer Schatten auf mein Leben. Meine Freizeit verbringe ich mit Sport und Büchern. Oft denke ich an Vater und die Mühe, die er darauf verwendet hat, aus mir eine Sportlerin zu machen, eine Kämpferin, bereit, gegen die Trägheit zu streiten und gegen die Furcht, die einen so oft hindern will, die Dinge neu und besser zu machen.

Ein letztes Mal dann, im Sommer 1932, gibt es einen Urlaub mit Mutter. Sommer in Bansin an der Ostsee. Ich schwimme und baue Sandburgen, spiele Ball mit anderen Kindern. Ich beschütze meine jüngeren Geschwister, bin eine Anführerin, zwischen den Strandkörben in der Sonne lache ich und bin doch ernst. Das Wasser ist mein Element. Es ist nachgiebig und weich und trägt doch die größten Lasten. Mutter hat Lakritzen für uns in ihrer Tasche. Als sie ein paar Monate später stirbt, heißt es, sie sei an Kummer gestorben, wegen Vater. Ich erinnere mich an die quälenden Kopfschmerzen, die sie immer hatte, und sage mir, es war ein Tumor.

Jetzt leben wir bei Großmutter in Dresden. In ihrem Garten hat sie für jedes ihrer neun Enkelkinder ein Rosenbäumchen mit Namensschild gepflanzt. Ich bin eine noch bessere Schwimmerin geworden. Der Sport bringt mir den Respekt meiner neuen Mitschüler. Im Schullandheim in Zinnwald sehe ich die jüngeren Kinder, die am Ufer des Sees spielen, behütet von den wachsamen Blicken ihrer Eltern. Ich sehe den Mann mit den dunklen Haaren und den buschigen Augenbrauen, der seine Tochter liebevoll in den Arm nimmt, als sie eine Frage an ihn richtet. Ich denke an meinen Vater. Und als das Mädchen zurückgeht ins Wasser, stelle ich mir vor, dass ich sie rette.
Der Vater ist eine Sekunde unachtsam, und die Kleine gerät ins tiefe Wasser. Ich springe auf und stürze mich hinterher, folge dem Mädchen, das jetzt kaum mehr zu sehen ist. Eine Hand greift in die Luft, und ein Sonnenstrahl fängt sich in ihrem blonden Haar, und dann ist nichts mehr dort auf dem Wasser, nur das gleißende Licht, das vom Himmel kommt. Doch ich tauche und finde das Mädchen. Seine Tochter, ich ziehe sie aus dem Wasser und rette sie.

Das ist das, was ich immer wieder tun möchte, für ihn, für den Mann, der mich vorher kaum beachtet hat, und für meinen Vater. Das Erwachsenwerden ist mit Schmerzen verbunden, so wie das Sichbekennen und das Eintreten in Verantwortung. Es sind dieselben Stufen, die man immer wieder hinaufsteigt auf den Turm, bis man springt, ins Ungewisse, und sich löst von seiner Angst.

Ich studiere jetzt Chemie in München. Ich bin Halbjüdin und brauche eine Sondererlaubnis für die Immatrikulation. Ich arbeite viel. Freizeit gibt es kaum. Die Arbeit ist ein Panzer gegen manche Erinnerung und gegen den Krieg, der mittlerweile tobt und unser Leben bedroht. Ich besuche die Lukaskirche und finde Trost in der Stille.

Ich höre die philosophische Vorlesung von Professor Huber und lerne Gleichgesinnte kennen. Wir treffen uns in Schwabing bei Regine, im Haus des alten Geheimrats Sommerfeld. Unbehelligte Gespräche gegen die Angst, während die Welt in Schutt und Asche zu fallen scheint. Wir trinken Pfefferminztee und essen Suppe aus Wursthäuten. Wir diskutieren über Literatur und Philosophie, meistens über Religion, wenn Willi Graf und Alexander Schmorell dabei sind, vielleicht die Frömmsten von uns.

Ich denke nicht politisch. Der Krieg ist ein Verhängnis. Ich darf nur nicht schlappmachen, nicht aufgeben.

Dann werden meine Freunde verhaftet. Eine Hetzjagd beginnt, auf die Mitglieder der Weißen Rose, auf ihren Freundeskreis, auf jeden, der mit ihnen in Verbindung steht. Die Gestapo verfolgt mich und will mich verhören.

Professor Wieland stellt sich vor mich, mein Mentor, der mir den Zugang zum Studium ermöglicht hat, mein schützender Doktorvater, ein Lebensretter jetzt.

Nur durch seine Fürsprache bleibe ich verschont. Aber viele meiner Freunde werden verurteilt und hingerichtet.

Wenige nur erkannten das drohende Verderben, und der Lohn für ihr heroisches Mahnen war der Tod, heißt es im ersten Flugblatt der Weißen Rose.

Diesmal kann ich meine Angst nicht besiegen. Warum lebe ich noch? Wie kann ich weiterleben, wenn meine Freunde und Kommilitonen ihr Leben geopfert haben?

Ich werde sehr krank, eine Lungenentzündung. Ich liege im Bett, im Krankenhaus, träume tief und dunkel. Als es mir besser geht, führe ich Gespräche. Worte, die klären und erklären, und langsam begreife ich: Ich werde weiterleben, weil so etwas nicht wieder passieren darf. Es ist ein Schlüssel, den ich gefunden habe. Ein erster Schritt. Mein Leben ist mir geschenkt worden, um etwas daraus zu machen.

Der Krieg geht vorbei und ich schreibe für die Neue Zeitung in München. Meine Kollegen und ich in einem Büro mit 20 Tischen, in der Schellingstraße, hier, wo früher der Völkische Beobachter gedruckt worden ist. Hoffnung auf den Ruinen des Betruges, des Verbrechens. Erich Kästner nennt mich Hilde-Vorgärtchen, Hilde-Gardinchen. Wir machen Landpartien nach Oberbayern, in meinem kleinen Fiat-Automobil mit Klappverdeck. Erich sitzt hinten auf dem offenen Notsitz, der Frost lässt Eiszapfen an seinen Augenbrauen wachsen.

Aber er lächelt. Wir haben zu essen. Wir haben überlebt.

Eine wachsende Zahl unbeschwerter Tage, deren Zuversicht mich weiterträgt.

Und dann der nächste Schritt. Als Wissenschaftsredakteurin schreibe ich über die Hochschulreform in der amerikanisch besetzten Zone.

In Stuttgart, in einem Seitenflügel der völlig zerstörten technischen Hochschule, treffe ich auf einen sehr freundlichen und sehr beschäftigten Mann, Theodor Heuss. Ich besuche ihn und seine Frau zu Hause und denke an meine Eltern. Meine Erfahrungen sind ein Schlüssel, sagt Heuss. Ich habe mich von meiner Angst befreit. Nun muss ich für das eintreten, für das meine Freunde ihr Leben geopfert haben. Politik ist meine Zukunft, sagt er und lächelt.

Und noch einmal träume ich von meinem Vater. Ich erinnere mich an den Augenblick, als er mich, seine kleine, weinende Tochter, unter dem Tisch hervorzieht, um sie zu trösten. Ich fühle mich von einer Lehrerin ungerecht benotet. Er streichelt über meine zerzausten Zöpfe und sagt: Merke dir, Hildegard, es gibt keine Gerechtigkeit. Man muss für die gerechte Sache eintreten, heißt das, um Gerechtigkeit wahr werden zu lassen.

Jetzt begreife ich ihn. Der Turm, von dem ich ins Ungewisse springe. Jetzt bin ich wieder am Ufer des Sees. Ich bin das kleine Mädchen, das andere Kinder vor dem Ertrinken retten will. Das ist mein Traum.


AUFGEZEICHNET VON MARC HÖPFNER FÜR "DIE ZEIT"