Das Wiedersehen von Belgorod

Sie hatten eine glückliche Kindheit, dann trennte sie der Krieg. Die Geschichte zweier Brüder - und einer Suche, die 57 Jahre dauerte.

Leo Härter ist ein Mann, der nicht viel spricht. Die Stationen seines eigenen Lebensweges, die Geschichte seiner Familie - heute, mit 78 Jahren als Rentner im schwäbischen Markgröningen, kommt ihm vieles unglaublich vor. Es ist dieses undeutbare Verhältnis von Glück und Unglück, das man Schicksal nennt, bis hin zu diesen Tagen, zu dem vielleicht bedeutendsten Ereignis seines Lebens: Leo hat seinen Bruder Albert wiedergefunden. Und das erscheint ihm fast wie ein Wunder. Es sei ein einmaliger Fall, hat man auch beim Roten Kreuz gesagt. 58 Jahre lang galten seine Verwandeten als verschollen. Unter den Folgen von dem, was für viele längst nur noch Zeitgeschichte ist, hatten Leo und Albert fast ein Menschenleben lang zu leiden.

Die kostbarste Erinnerung der beiden Brüder ist die glückliche Kindheit in Bessarabien, das damals zu Rumänien gehörte. Ihr Vater, Nachkomme deutscher Einwanderer, die das Land besiedeln sollten, hatte hier eine russische Frau gefunden und eine Familie gegründet. Fünf Kinder spielen auf dem Hof zwischen Apfel- und Pflaumenbäumen und baden mit ihren Pferden im nahe gelegenen Dnjestr. Leo, sein Bruder Albert und dessen Zwillingsschwester Nina-Edith sind unzertrennlich. Die älteren Brüder, Walter und Ernst, wollen Ingenieure werden. Sie haben ein großes Interesse an Technik und sind stolz, den Traktor fahren zu dürfen, den der Vater gekauft hat. Mutters liebste Speise sind die Weintrauben, sie mag sie so gerne, dass sie nicht einmal schimpft, wenn die Kinder sie ihr schon vor der Erntezeit bringen, noch sauer, nur um ihr eine Freude zu machen.

Im August 1939 beschließen Hitler und Stalin das geheime Zusatzprotokoll zum Nichtangriffspakt. Bessarabien soll wieder der Sowjetunion gehören. Am 13.

Oktober 1940 verlassen die Härters ihren Hof. Sie sollen zusammen mit über 90 000 anderen Bessarabiendeutschen umgesiedelt werden. Kolonisten werden gebraucht für das großdeutsche Reich im damaligen Warthegau und Danzig-Westpreußen. Im Lager in Asch, in das man sie sie zunächst bringt, stirbt Nina-Edith schon bald an einer unbehandelten Hirnhautentzündung. Es ist 1941, Juni, die Zeit, in der man in Raskajetz Erdbeeren und Süßkirschen geerntet hat. Während der Beisetzung der Schwester springt Albert in das Grab und umklammert den Sarg. Man muss ihn gewaltsam aus der Erde ziehen.

Hitler überfällt die Sowjetunion an der vorher noch einvernehmlich festgelegten Westgrenze der UdSSR. Für viele der Umsiedler gibt es ein böses Erwachen. Ihnen werden Höfe zugeteilt, deren polnische Eigentümer erst kurz vorher vertrieben wurden. Nicht alle Neuankömmlinge verkraften das, man munkelt von Selbstmorden. Die Härters trifft es besser. Das Gehöft, das ihnen Ende Juni 1942 zugeteilt wird, ist eine ehemalige Landwirtschaftsschule, Gut Brisky im heutigen Lezce.

Trotzdem fällt es ihnen schwer, sich heimisch zu fühlen. Die beiden älteren Brüder melden sich freiwillig zum Militär. Leo Härter wird im Oktober 1942 eingezogen, kurz darauf fallen Walter und Ernst. Zuletzt, es ist der 6.Januar 1945, und er ist 18, muss der Jüngste, Albert, einrücken. Er wird als Flakhelfer an einer Artilleriestation eingesetzt. Als seine Einheit sieben Tage später aufgerieben wird, flieht der versprengte Rest zurück nach Deutschland. Nur Albert macht sich auf den Weg in die entgegengesetzte Richtung, um seine Eltern zu finden.

Kurz bevor er das Gehöft erreicht, wird er von polnischen Polizisten verhaftet und ins Gefängnis geworfen. Hass entlädt sich gegen den Jungen in Wehrmachtsuniform, dessen Eltern das gestohlene Land angenommen hatten. Albert wird misshandelt, man überstellt ihn ins Gefängnis nach Lodz. In der Gefängnisspinnerei verstümmelt ihm eine Wollwalze die rechte Hand. Ein russischer Offizier hat Mitleid mit dem Jungen und verschafft ihm Papiere, die es ihm ermöglichen, zu seiner Familie zurückzukehren.

Als Albert in Brisky ankommt, ist er nicht einmal sicher, ob seine Eltern noch leben. Er klopft an die Tür. Sein Vater öffnet ihm. Für einen Augenblick scheint es im Chaos des Krieges wieder Hoffnung zu geben. Man fasst den im Nachhinein fatalen Beschluss, nach Raskajetz zurückzukehren, auf den alten Hof, auf dem die Familie so glücklich war.

Auf dem Weg zurück mit dem Pferdefuhrwerk, zu Fuß und mit der Bahn verlieren die Härters ihre ganze Habe. Dann verhaftet sie die polnische Polizei und bringt sie in Viehtransportern in ein Lager nach Brest-Litowsk. Hier entscheidet ein einfacher Verwaltungsakt über ihr weiteres Leben: Weil der Vater nicht als Russe gilt, bleibt der Weg zurück auf den alten Hof versperrt. Stattdessen wird die Familie nach Komi, einem waldreichen Landstrich an der Westflanke des Urals, deportiert. Ein schönes Land, scherzt der Verwaltungsangestellte am Schreibtisch, Sie haben zwölf Monate klirrenden Winter, aber der Rest des Jahres ist es sehr angenehm.

Leo dient im Entstörtrupp einer Fernmeldeeinheit bei Cassino, 150 Kilometer südwestlich von Rom. Am 4. Mai 1945 gerät er in amerikanische Kriegsgefangenschaft und wird einer Arbeitseinheit auf einem Luftwaffenstützpunkt in Bari zugeteilt. Er ist 21 Jahre alt, und die Frage, was aus den Eltern und seinem Bruder Albert geworden ist, beschäftigt ihn sehr.

Nach einem Jahr schifft man ihn nach Glasgow ein, kommt schließlich nach Grantham in Südostengland. Arbeitsdienst in landwirtschaftlichen Betrieben. Erinnerungen kommen, wenn er auf dem Feld steht und die frisch gemähten Garben in die Dreschmaschine wirft. Plötzlich fühlt er sich wieder wie als Zehnjähriger, der mit seinem Vater durch das Korn ging.

Der Verwalter des Hofes schätzt seine Arbeit. Die karge Nachkriegszeit ist erträglich hier auf dem Lande. Satt essen jeden Tag: Eintopf und Vesperbrote, Blockschokolade aus der Messingschachtel, dazu drei Zigaretten am Tag.

Kurz bevor er nach Deutschland zurückkehren darf, bittet ihn der Verwalter um ein privates Gespräch. Leo soll bleiben und seine Nichte Dorothy heiraten. Ich muss meine Familie finden, antwortet Leo.

Sein Bruder Albert hat 15 lange Jahre in Komi vor sich. Mehr als 250 der 360 Deportierten sterben schon im ersten Jahr vor Hunger und Kälte. Der Vater, krank vor Kummer, erlebt Verbannung und Zwangsarbeit im seelischen Dämmerzustand. Eines Tages, auf dem Weg zurück zu der Baracke, in der er mit seiner Frau lebt, verliert er den Bezugsschein für die täglichen 300 Gramm Brot. Ohnehin bereits bis auf die Knochen abgemagert, stirbt er innerhalb weniger Tage. Albert, der in einem anderen Lager, 15 Kilometer entfernt, arbeitet, erfährt erst einen Monat später, dass sein Vater gestorben ist.

Neben der Baracke der Mutter steht noch immer der Sarg mit seiner Leiche.

Keiner hatte die Kraft, bei seiner Beisetzung zu helfen.

Leo, zurück aus England, wird als Kriegsheimkehrer in Schneverdingen im Kreis Ludwigsburg angesiedelt und bemüht sich, das Schicksal seiner Familie aufzuklären. Man ist auf die Kommunikation mit Hilfsorganisationen wie dem Roten Kreuz angewiesen, und selbst die verläuft zäh. Durch den Eisernen Vorhang werden nur spärliche Informationen gelassen. Die Suche nach Vermissten ist eine Geduldsarbeit, in der man auf den Zufall hofft. Ein schwarzer Tag, als Leo Mitte der achtziger Jahre auf eine ehemalige Nachbarin aus Brisky trifft, der noch 1949 die Flucht nach Westdeutschland geglückt war. Sie erinnert sich, im Juni 1945 Schüsse auf dem Hof der Härters gehört zu haben.

1953 stirbt Stalin. Erst jetzt gibt es gewisse Erleichterungen für die Verbannten. 1958 gelingt es Leos Bruder Albert, der inzwischen eine eigene Familie hat, mit seiner Mutter Komi zu verlassen. Er zieht nach Bessarabien zurück. Erst in den siebziger Jahren wagt er es, nach Leo zu forschen. Jede Anfrage wird begleitet von Verhören durch den KGB. Nachbarn beschimpfen die Härters jetzt als Faschisten. Erst der Zufall soll Albert am Ende helfen, lange nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion. Seine jüngste Tochter, er nannte sie Nina, nach der in Asch verstorbenen Zwillingsschwester, arbeitet als Fechtlehrerin, und als ihre Freundin die Möglichkeit bekommt, in Deutschland zu studieren, wendet sie sich mit Alberts Geschichte Ende des Jahres 2000 an das Rote Kreuz.

Zwei Monate später erfährt Albert, dass sein Bruder Leo noch am Leben ist.

Als er ihn im Januar 2001 zum ersten Mal am Telefon hört, 57 Jahre und 8 Monate nach ihrer letzten Begegnung, überwältigen ihn Aufregung und Freude.

Zwei Tage lang hat er Herzschmerzen, er erleidet einen Nervenzusammenbruch.

Dann, endlich, das Treffen.

Auch Leo wird die Reise in die Ukraine nie vergessen. Der Transferbus bringt ihn vom Flughafen in Odessa in das etwa 100 Kilometer entfernte Belgorod-Dnjestrowski. Das Wiedersehen der beiden Brüder wird unterstützt von der Landsmannschaft der Bessarabiendeutschen, Bessarabienreisen steht auf dem Bus geschrieben. Verbeulte Autos fahren in den Straßen, mit überhöhter Geschwindigkeit, obwohl kaum eine Straße asphaltiert ist und die Kanaldeckel fehlen, weil man das Metall für ein paar Kopeken verkaufen kann. Hundegebell ist zu hören. Leo sieht die verfallenen Häuser. Er weiß, dass es dort, wo Albert wohnt, in Bendery, das heute zu Moldawien gehört, noch schlimmer aussieht.

Albert probiert noch ein Schmunzeln, doch man merkt ihm seine Aufregung an.

Dann fällt ihm Leo in die Arme. Er ist erstaunt darüber, dass der jüngere Bruder, der nach Komi verbannt wurde, so viel älter aussieht. Albert weint, während er lächelt. Die beiden wollen sich nicht voneinander lösen. Selbst die Hunde in der Straße sind für einen Augenblick verstummt.


erschienen am 14.03.2002 in  DIE ZEIT