An einem fernen Meer

 

 

Sieben Tage Odessa: Das Tagebuch meiner Reise

 

Montag

Flughafen Odessa. 

Der Mann an der Passkontrolle kann kaum über seinen Monitor schauen und hat Segelohren. “Bayern München wieder deutscher Meister?“ Vorsichtshalber Nicken.

Vor der Tür lauert der breite Igor in der S-Klasse. Chauffeursservice des Hotel Londonskaja. Die erste Station. Das schönste und älteste Hotel der Stadt. Isidora Duncan hat hier halbnackt die Nächte durchtanzt und Eisenstein das Drehbuch zu Panzerkreuzer Potemkin geschrieben. Tschechov war hier Gast. Später Wladimir Majakowski und Louis Aragon. Marcello Mastroianni hat in den Fünfzigern traurig in einem tiefen Lederfauteuil im Foyer gesessen. Ihm war der Wodka oder der Kommunismus nicht bekommen.

Zur berühmten Potemkintreppe schlendern, über den „Boulevard der Liebenden“. 192 Stufen, 27 Meter hoch und 136 Meter lang. Auch sie hat wie Odessas gesamte vorrevolutionäre Architektur europäische Wurzeln, wurde gefertigt aus Triester Sandstein. Einmal runter- und wieder hoch klettern, und der Tag ist gelaufen. 

Wieder auf dem Primorskiboulevard, das Kapuzineräffchen füttern, das im Pagenkostüm auf einem Pony reitet. Das Krokodil daneben am Boden beachtet einen gar nicht.


Dienstag

Spaziergang in der Innenstadt.

Nur junge Leute flanieren hier, sie sind schöner und schlanker als in München oder Paris. „Wegen Tschnernobyl“, scherzt Ljuba, eine etwa sechzigjährige Odessitin hinter einer kompakten Maske aus Make-up. Sie war einmal Intourist-Reiseleiterin und hat ihr Deutsch in der DDR gelernt. Ljuba und ihre Freundin  flirten nicht mehr auf der Straße und schlürfen etwas mürrisch eine  Tee im Café „Argot“. Aber abends, sagt Ljuba, die eine metallisch glänzende Frisur so hoch wie eine Kochmütze trägt, tanzen sie und ihre Freundin im Hinterhof zu Akkordeonmusik den Kindern etwas vor.


Auf dem zentralen griechischen Platz hat ein Unternehmen aus Athen mit der Hilfe von Odessas nach der orangen Revolution geflohenen Bürgermeister Ruslan Bodelan das  sechsstöckige Einkaufs- und Geschäftszentrum Athina errichtet. Dort stehen kleine Ladas zutraulich neben Maibach-Limousinen und japanischen SUVs.  Der pompöse Neubau will mit einer historisierenden Fassadenblende an die Architektur der glanzvollen Vergangenheit erinnern, und sieht trotzdem nicht anders aus als ein im Paradies gelandetes  feindliches Raumschiff.


In einem Antiquitätengeschäft in der Richeljeskaja glänzen herrliche Lomonossov Porzellan-Figurinen in der Auslage. Kann man zu Studentenpreisen kaufen.

 

Mittwoch

Otrada. Definitiv anderes Strandleben als in  Cannes oder Timmendorf. Handys klingeln hier oft und laut. Ständig buddelt einer im Sand. Hunde flitzen vorbei. Ein Mann ohne Zähne bietet getrockneten Fisch an. Aber in der Luft liegt der Duft von Odessas Akazien.  Die Lektüre für einen irritierend geräuschvollen Vormittag : Majakowskis „Wolke in Hosen“.

Später ins Café „Richelieu“: dort gibt es futuristische Torten. Pastellfarbene Zuckergussphantasien, die so kompakt wirken, als wären sie aus Zement gegossen. Verschwiegen murmelnde Matronen mit unerbittlichen Granitgesichtern und großen Handtaschen tauchen besonders gerne hier und an den Tischen der Restaurants an der Deribasovskaja auf und radebrechen gedämpft Namen wie: Patek Philipe, Vacheron Constantine oder Rolex. Natürlich beteuern die äußerst gepflegt wirkenden Damen, dass die angebotenen Exemplare dem verstorbenen Vetter aus Illitschiwsk gehört haben, einem unverschämt reichen Kerl. Wenn man jedoch dankend ablehnt, weil man lieber Longines trägt, haben sie auch die noch im Angebot. „Ein Bandit raubt dich nur aus,“ hat Ljuba, gesagt, „aber ein Odessit wird dir immer ein Geschäft vorschlagen.“

Besser einen heimischen Zeitmesser kaufen. Für Reminiszenzen an die kriegerische Vergangenheit eine echte Wostok, geschmückt mit Armeemotiven oder KGB-Abzeichen auf dem Zifferblatt

 

 

Donnerstag

Langer Spaziergang auf dem französischen Boulevard.

Odessas alte Straße der Reichen. Hier stehen noch immer die prächtigsten Villen der Stadt. Sie gehören heute Oligarchen oder neureichen „Bisinessmen“. Ihre Sicherheitstechnik liegt auf dem Niveau des Weißen Hauses in Washington.
Daneben, hinter alte Buchsbaumhecken geduckt, findet man Sanatorien, die wie etwas verträumte Gatsby-Villen aussehen. In ihren Brunnen quaken verwöhnte Frösche und gelegentlich sieht man aufgeregte Gestalten in weißen Kitteln über das Gelände huschen.

Abendessen auf einer Bank im Stadtgarten. Ein Schälchen Wolgograder Beluga Kaviar aus dem Supermarkt. Dazu Piroggen und ein Gläschen Nemiroff Premium: der beste Wodka der Ukraine.

 

Freitag

Besuch des Katakombenmuseums im Kosakendorf  Nerubiskoje vor den Toren Odessas.

Die Katakomben, das waren die ehemaligen Steinbrüche unter der Stadt. Hier ist der Kalksandstein, das Baumaterial für die vielen langsam verfallenden Gebäude des Zentrums gewonnen worden. Eine geordnete, rechtwinklige auf dem Reißbrett entworfene Stadt entstand, indem ihr Untergrund zu einer klaustrophobischen Höhlenwelt wurde.

Etwa 3000 Kilometer unterirdischer Korridore, Galerien und Tunnel, das längste von Menschenhand geschaffene Labyrinth der Welt.

Hier unten war das Versteck von Schmugglern, Räubern, Partisanen und Revolutionären. Man findet noch verrostete Druckerpressen auf denen Lenins Gazette ‚Iskra’ gedruckt worden ist. Vermoderte Wodkaflaschen (leer) und verrostete Sägen für die Amputation von Gliedmaßen, notwendige Instrumente für die Widerstandskämpfer unter der rumänischen und deutschen Besatzung.

 

Mittags am Strand von Arkadia, ein riesiges von Diskotheken, Restaurants und Casinos gesäumtes Las Vegas auf ukrainisch. Jungen und Mädchen schubsen sich gegenseitig zu Technobeats ins Wasser. Kleine Kinder plantschen und singen aus Protest Volkslieder. Nur die Alten schwimmen gemächlich ihre Runden und haben dabei Badehauben auf.  „Der Kommunismus ist jetzt wirklich vorbei“ hat Ljuba gesagt, „wir leben jetzt so stolz und unglücklich wie Kapitalisten.“

Die Badekappen der Alten tanzen wie Seerosen auf dem schwarzen Meer.

 

Samstag

Die malerisch gebrechliche Moldavanka. Ein Viertel des Verfalls wie vor hundert Jahren. Straßenzüge voller unsanierter zwei- bis dreistöckiger Häuser, mit schlecht geflickten Dächern und verrottendem Mauerwerk. So als wäre die Zeit stehen geblieben. Damals die kleine Stadt der Diebe und das Ghetto der Juden, bekannt aus Isaak Babels „Geschichten aus Odessa“. Heute wohnen hier Studenten und die trinkende Intelligenzija. Zwei ältere Herren im Unterhemd lehnen hier bezecht an einer Hauswand und unterhalten sich über eine längst vergriffene Puschkin-Gesamtausgabe. Beide sind Universitätsprofessoren.

Im Park an der Rasumovskistraße spricht mich ein wunderschönes Mädchen an. Die Frau, auf die man sein ganzes Leben lang wartet. Sie ist grazil und hochgewachsen, wirkt verlegen, so allein auf dem Sandweg vor ein paar trostlos rostigen Mülltonnen. Das Mädchen trägt ein seidig schimmerndes Kostüm und eine tarnende Holly Golightly-Sonnenbrille. All das wird die Melancholie dieser Straßen fernhalten. Sie ist hier gestrandet wie ich. Ein Fabelwesen von verletzlichem Eigensinn. Sie fragt nach der Uhrzeit und packt mein Handgelenk mit neugieriger Zärtlichkeit. Das ist keine Wostok dort zwischen ihren rotlackierten Nägeln. Sie setzt das Gespräch in englisch fort und fragt, ob ich ein wenig Zeit für sie habe.

„Du solltest hier in Odessa nur mit dem Herzen lieben“, hat Ljuba gesagt, „Eine ganze Million Einwohner hat die Stadt, und zehn Prozent von ihnen haben AIDS.“

Ich schüttle den Kopf. Sie nimmt ihre Sonnenbrille ab. Ihr rechtes Auge blickt starr und blutig, eine Krankheit, ein Unfall, eine grelle Wunde. Sie lächelt mich an, während ich den Kopf wende. „I can see you“, sagt sie leise. „I can see you“, ruft sie mir nach und stampft mit einem ihrer hohen Absätze auf. 


Abendessen im Fat Mozes in der Ekaterinskaja, die besten Cocktails der Stadt.

 

Sonntag

Noch ein paar Fotos für diejenigen zu Hause, die glauben, diese Stadt  sei nur ein abgelegenes russisches Museum.

Das Liebmannhaus: Hat einem deutschen Konditormeister gehört. Man konnte dort Ende des 19. Jahrhunderts Billard spielen oder Zeitung lesen in einem mondänem Cafe, in dem es das erste Diabetikergebäck des Zarenreiches gab. Und das erste elektrische Licht der Stadt. Damals in seiner Blütezeit war Odessa reicher als Kiev, reicher als St. Petersburg und Moskau. In jedem Frühjahr senkten sich die heimkehrenden Stare auf das Bäckerhaus, bedeckten es wie ein lebendiges Federkleid, angelockt vom Zuckerduft. In diesem Augenblick, so heißt es, wußten die Odessiten, der Frühling war zurückgekehrt in ihre Stadt.

Schnappschuss vom ehemaligen Haus des deutschen Viehzüchters, Konservendosenfabrikanten und Großgrundbesitzers Falz-Fein:

Gleich zwei Jugendstilatlanten tragen die Weltkugel unter dem Erker des frischrenovierten Gebäudes, stellvertretend für die Sorgen, die Odessa mit seinen eindrucksvollen Bauwerken aus Muschelkalk hat. Sie halten kaum mehr als 100 Jahre. Das ist die Halbwertzeit des organischen Materials. Jedes dieser Häuser bereitet sich auf den Tod vor - oder eine nicht enden wollende Renovierung.

Letzte Bilder im Zirkus Truzzi, vom deutschen Bierbaron Sanzenbacher im Garten seiner Villa erbaut als Geschenk an die Stadt. Der Eintritt war kostenlos. Die erste Bühne für einige der später berühmtesten Artistenfamilien der Welt.

Letzter Einkauf auf dem Privos-Markt neben dem Odessaer Bahnhof. Hier gibt es alles, wirklich alles. Ein Händler bietet mir eine Stahlurne an. Sie ist bunt bemalt wie eine Blumenvase. „Brauche ich noch nicht“, sage ich. „Da ist Elvis drin“,  antwortet der Händler gelassen. Schweigender Blickkontakt für eine Minute. „Der echte Elvis“, fügt er dann flüsternd hinzu.

Die Zöllnerinnen am Flughafen tragen heute Miniröcke. „Scheiße Bayern München“, sagt der Passbeamte. Vorsichtshalber nicken.

 

Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung 05.02.2006