Leseprobe


5

Es ist ein großes Abenteuer. Wie ein Mehrteiler, eine Geschichte, die sich weiterentwickelt, das Kino muß sie in Fortsetzungen erzählen. Daran denke ich, als ich über die Mauer, die die schmale Seite des Rasens hinter dem Schulgebäude begrenzt, klettere und mich auf der Hut vor einem Hund bis zum Geräteschuppen vorpirsche, hinter dem ich und Max geraucht, getrunken und Hausaufgaben abgeschrieben haben.

Ich strecke den Kopf hinter der Holzwand des Schuppens hervor. Es ist nichts zu sehen. Niemand hat mich entdeckt. Die Außenjalousien der Hausmeisterwohnung sind heruntergelassen. Ein Schutz vor Einbruch oder zu großer Hitze. Seitdem ich das letzte Mal durch das Turnhallenfenster zu unserem Versteck geklettert bin, sind mehr als vier Jahre vergangen. Von außen hat sich, soweit ich sehen kann, kaum etwas verändert. Die Eingangstür, die an der Seite des Schuppens liegt, hat einen breiteren Metallriegel und ein neues Vorhängeschloß bekommen. Die Hinterseite des Schuppens mit dem vorspringenden Wellblechdach, den seitlichen, geschrägten Brettern der Sitzbank und den hölzernen Bodendielen ist unverändert geblieben. Sie sieht so verfallen und modrig aus wie damals. Ich studiere das Holz. Es gibt keine neuen Botschaften, aber die alten sehen so frisch aus wie damals. Ich kann unsere Verwünschungen und Zoten lesen und spüre, wie sich langsam mein Magen zusammenzieht.

Wir sind die einzigen geblieben, die die versteckten Abenteuer hinter dieser schlichten Bretterwand genossen haben. Joints, Alkohol, Entgleisungen im Schulmaßstab. Ich drehe mich um. Das Fenster in der Mauer der Turnhalle ist mit massiven Gitterstäben verschlossen worden. Sie hätten es genausogut zumauern können. Niemand hat von der Bedeutung des Verstecks erfahren, aber nach der Tragödie an unserer Schule wurde alles auf den Kopf gestellt. Sie haben gemerkt, daß diese Ecke nicht koscher war. An dieser Schule sollte es nie wieder etwas geben, was verboten war.

Ich lausche. Alles ist so ruhig wie zuvor. Dann atme ich tief durch. Schweiß tropft von meinem Gesicht, als ich mich bücke, um die erste Bodendiele hinter der Bank zu entfernen. Das Holz hängt schwer im Boden und läßt sich nicht gleich lösen. Mit einem schmatzenden Geräusch hebt es sich schließlich heraus, und ein Haufen platter, schwarzer Käfer krabbelt aufgeregt von der flachgedrückten Erde, die die Maserung des Brettes trägt, zu der schwarzen Öffnung, die ich freigelegt habe.
Ich hebe die zweite und die dritte Diele und lege sie zur Seite. Das Loch, das ich geöffnet habe und das unter der hölzernen Außenwand in den Schuppen führt, ist groß genug, um hindurchkriechen zu können. Max aus der Basketballmannschaft und ich haben es damals aus Neugier gegraben, nachdem wir während einer unserer Aufenthalte im Versteck festgestellt hatten, daß der Hausmeister seinen motorgetriebenen Rasenmäher nicht im Geräteschuppen unterstellte, sondern, wie wir dann später herausfanden, in einer Kammer im Schulgebäude. Die Entdeckung des Verstecks aber hatten wir Do zu verdanken.

Im Frühjahr nach der Klassenreise, während des alljährlichen Basketballturniers, das wegen schlechten Wetters in der Halle ausgetragen wurde, hockten Max und ich im Geräteraum auf dem Mattenwagen und beobachteten das Viertel?nalspiel der Oberstufenmädchen. Die Zuschauer, hauptsächlich Klassenkameradinnen und ein paar Eltern, saßen auf Bänken oder auf dem Boden, und im allgemeinen Durcheinander nahm kaum jemand Notiz von uns. Es hatte Max nicht allzuviel Überredungskunst gekostet, mich in den Geräteraum zu lotsen, wo wir uns ungestört unterhalten konnten, während die Mannschaft, die, obwohl Dorothea Cimano eine der schwächeren Spielerinnen war, für alle einfach nur Do's Mannschaft hieß, um den Einzug ins Halbfinale kämpfte.

»Brüste sind was Feines, oder?« meinte Max.

»Sie bewegen sich«, erwiderte ich versunken in den Anblick des hüpfenden Everlast-T-Shirts von Do, die schnell und gerissen alle anderen Mädchen überdribbelte, aber unter dem Korb beim Werfen meistens versagte.

Do war nicht gerade klein, aber im Verhältnis zu den hochaufgeschossenen Spielerinnen ihres Teams hatte sie Probleme mit der Reichweite und mußte mehr laufen. Eines der Mädchen, Liz, war fast so groß wie Max, der nach Alfred der Größte in unserer Schule war. Ihre Arme und Beine waren so dünn, daß es aussah, als ginge sie auf Stelzen. Aber sie konnte im Stehen fast den Korbring berühren und brauchte erstaunlich wenige Schritte, um sich, wankend, so kam es uns vor, wie ein Flamingo in Sumpfwasser, vom eigenen Freiwurfraum in die gegnerische Hälfte zu bewegen.

Am besten hätte Do einfach versucht, eine gute Position herauszuspielen und aus dem Stand auf den Korb zu werfen, aber es schien ihr ein besonderes Anliegen zu sein, den wilden Lauf durch die Reihen machtloser Abwehrspielerinnen mit einer besonders dynamischen Bewegung abzuschließen. Vielleicht beflügelte sie auch die nahezu phantastische Vorstellung, nach dem tausendsten Versuch - irgendwann einmal - den Ball dunken zu können. Jedenfalls lief sie zum Werfen immer unter den Korb und sprang in die Höhe, den orangefarbenen Ball auf der Hand?äche des ausgestreckten Armes balancierend, ohne eine Chance, auch nur das Netz zu berühren. Do hatte eine zierliche Figur, Becken und Taille waren schmal. Aber ihre Brüste waren größer als die der meisten anderen Mädchen, und alle machten ihre Witze darüber.

»Verdammte Schwerkraft - diese Italienerin ist verflucht zäh«, sagte Max voller Respekt, »und sie hat keinen Freund.« Max war überzeugt davon, daß ihr Vater ein Ma?oso war und daß für Do, wenn sie überhaupt einen Freund gebrauchen konnte, nur jemand in Frage kam, der es nicht nur mit ihr, sondern auch mit Antonio Cimano aufzunehmen vermochte.

»Ich möchte wissen, wie jemand aussieht, den der Vater eines Mädchens wie Do respektieren kann«, fragte ich. »Anders als wir«, meinte Max ernst, »wir hätten bei ihr keine Chance.«

In diesem Augenblick wurde das Spiel abgepfiffen, aber Do, die den letzten Rebound hatte, dribbelte unbeirrt zum gegnerischen Korb, sprang und versenkte den Ball im Netz.

»Kaum zu glauben«, staunte ich.

»Schluß!« brüllte die Schiedsrichterin.

Do's Mannschaft hatte verloren, die Mädchen wirkten betreten und verschnauften mit gesenktem Blick. Die riesige Liz hatte die Hände in die Hüften gestemmt und führte ein wütendes Selbstgespräch, während sie breitbeinig und gebeugt auf den Boden starrte. Do, die wie angewurzelt unter dem Korb stehengeblieben war und für die der Ball in Zeitlupe aus dem Netz zu fallen schien, ballte ihre Mädchenfäuste.

»Schluß!« brüllte die Schiedsrichterin noch einmal, und diesmal hatte sie, glaube ich, nur Do gemeint.

Do wachte auf, als der Ball gegen ihre Füße prallte.

»Merda«, fluchte sie und trat ihn wütend quer durch die Halle. »Ja«, murmelte ich. Der Ball rollte in den Geräteraum und blieb unter unserem Mattenwagen stecken. Die Mädchen marschierten geschlossen zu den Umkleideräumen. Und wieder hob sich Do von allen anderen ab. Die Korbjagd war zu Ende, sie hatte ihre kriegerisch entschlossene Miene gegen ein entzückendes Lächeln eingetauscht, und wenn sie eben noch wie ein mordlustiger Terrier geduckt und gefährlich durch die gegnerische Abwehr gebrochen war, dann schritt sie jetzt katzengleich und geschmeidig aus, mit unnachahmlich rollenden Hüften, unbefangen und doch bereit, jeden Mut zu betäuben.

Das nächste Spiel würde erst in zwei Stunden stattfinden, am Nachmittag. Das Endspiel der Jungen, mit Max als Center und mir auf der Reservebank. Die Schiedsrichterin hatte den Ball nicht einkassiert, und Max und ich beschlossen, das als Aufforderung für uns aufzufassen, noch ein wenig zu üben. Max zog den Ball unter dem Wagen hervor und drückte ihn prüfend mit dem Daumen.

»Ziemlich flau«, entschied er.

»Aber wir haben ihn direkt von Do«, erinnerte ich ihn.

»Yeah!« brüllte Max, sprang auf und dribbelte den Ball wild hüpfend und springend durch die Halle. Er setzte vom Freiwurfpunkt aus mit zwei langen Schritten unter den Korb, sprang an den Ring und ließ den Ball mit einer flüssigen Handbewegung über den Zeigefinger ins Netz rollen.

»So spielen Weltmeister«, imitierte Max einen euphorisierten Sportreporter und trommelte sich mit den Fäusten auf die Brust.

Max und ich übten eine ganze Weile Doppelpässe und Korbwürfe aus verschiedenen Distanzen.

»Der ist für Do«, rief Max und landete einen Dunk, bei dem der Korb aus der Verankerung zu reißen drohte. Max hatte sich am Korbring festgehalten und baumelte jetzt an beiden Armen wie ein Affe über dem Hallenboden.

»Der hält was aus«, ächzte er.

In diesem Moment sah ich, daß Do uns beobachtete. Mit feuchten Haaren, ein Handtuch um den Hals geschlungen, lehnte sie barfuß am Türrahmen. Ich hatte den herabfallenden Ball gefangen und abwartend auf dem Fleck gedribbelt. Jetzt patschte meine Hand daneben, und ich versuchte den davonspringenden Ball mit dem Fuß kickend zu retten, aber das mißlang ebenfalls. Dann entdeckte auch Max Do, ließ den Ring los und kam krachend auf dem Hallenboden auf. Er schüttelte seine Arme. Ich blickte verlegen zu Boden. Neben Max war es schwer, einem Mädchen zu imponieren. Er war beweglicher als ich, und sein Dunk, den Do bewundert haben mußte, war eine gute Voraussetzung für einen unverlegenen Annäherungsversuch. Do stemmte den rechten Arm in die Hüfte, als wir, ich hinterdrein, auf sie zukamen.

»Wow«, rief Max fröhlich, »welches Duschgel benutzt du, Bella, das ist meine Marke - ich riech's bis hierher.«

Do trug ein dunkelblaues Sweatshirt, das ihre Schultern noch breiter machte und ihren Oberkörper eindrucksvoller erscheinen ließ, als für mein Selbstvertrauen gut war. Sie hatte eine schwarze Gymnastikhose angezogen.

»Wenn du so was im Spiel bringst, schau ich's mir an«, sagte Do unverfänglich zu Max, »das war nicht schlecht.« Ich versuchte zu lächeln, zog aber nur eine unsichere Grimasse. Do sah mich an: »Kannst du das auch, oder schlägst du lieber Leute zusammen?« fragte sie herausfordernd.

Max hatte der ganzen Sache ein Tempo gegeben, dem ich nicht folgen konnte. Dies war keine Party, und ich war nicht betrunken. Ich fürchtete in diesem Augenblick den Klang meiner Stimme, brachte nichts heraus und schaute mit einem ängstlichen, wieder verunglückten Lächeln zu Boden, als hätte jemand eine passende Antwort für mich auf das Spielfeld geschrieben.

»Er ist mein Freund«, sprang Max ein und klopfte mir auf die Schulter, »er hat nur gerade seinen Text vergessen.«

Do nestelte am Gummizug ihrer Hose herum und zog eine Schachtel MS heraus.

»Ich muß eine rauchen«, seufzte sie, »wollt ihr auch?«

Max machte die Augen groß und setzte eine Miene gespielter Empörung auf. »Hier in der Turnhalle?« fragte er. »Das ist ja noch verbotener als im Klassenzimmer.« »Wir können in den Geräteraum gehen«, schlug Do vor und setzte sich, ohne eine Antwort abzuwarten, in Bewegung. Max staunte wirklich. Ich bewunderte die Art, wie Do, die Füße so normal abrollend, als würde sie Turnschuhe tragen, über den schmutzigen Hallenboden ging. Sie bewegte sich barfuß so gewandt wie eine Indianerin. Dies war ihre Welt, und jede ihrer Bewegungen war selbstverständlich.

»Meinst du, das riecht keiner?« fragte Max kleinlaut, als wir nebeneinander, Do in der Mitte, auf dem Mattenwagen saßen und rauchten. Do zuckte gleichgültig mit den Schultern.

»Wir könnten das Tor runterklappen«, rief ich aufgekratzt, »dann zieht kein Rauch in die Halle. Und wenn wir rausgehen, machen wir es wieder zu. Nachher holt sowieso keiner was hier raus.« Der Geräteraum hatte ein holzverkleidetes Tor, das man wie ein Garagentor auf- und zuklappen konnte. Aus Sicherheitsgründen war es auch von innen zu öffnen.

»Gute Idee«, sagte Max und sprang auf, die Zigarette im Mundwinkel, um das Tor zu schließen. Do aschte in ihre Hand.

»Wo lernt man so was?« fragte ich sie.

»In Geräteräumen«, sagte Do lässig, irgendwie Max imitierend. Ich schaute sie neugierig an, und plötzlich begann sie zu kichern, wie ein kleines Mädchen, das eine verstohlene Freude nicht verbergen kann. Sie warf sich zurück auf die Matte, lachte laut auf und streckte schließlich, erleichtert durchatmend, ihre Arme von sich.

Max mühte sich ab, das Tor in einen Winkel zu bewegen, aus dem es sich leicht nach unten ziehen und verschließen ließ. »Halt«, rief er plötzlich und schaute suchend an die kahle Decke des Geräteraumes. »Wenn es zu ist, ist's zappenduster, hier gibt's kein Licht, Alter.« Ich drehte den Kopf nach oben. Es gab tatsächlich keine Lampe.

»Doch«, rief Do und zeigte hinter sich auf eine breite Filzmatte, die gefaltet an der Rückwand aufgestellt war.

»Hinter der großen Gymnastikmatte ist ein Fenster, da kommt genügend Licht rein.«

Do zeigte uns damals das Fenster, von dem wir bislang nichts gewußt hatten. Die Mädchen, die gelegentlich bei ihren Gymnastikübungen die große Filzmatte benutzten, kannten den Geräteraum besser als wir.

Während es Max endlich gelang, das Tor zu verschließen, schob ich die Matte so gut es ging zur Seite.

»Das ist der hintere Hof«, rief ich, »der Hausmeistergarten.«

»Na klar«, sagte Max, »was dachtest du denn?«

Do räkelte sich in dem grellen Lichtfleck, der den Mattenwagen erfaßt hatte wie ein Scheinwerfer. Ihr Sweatshirt war ihr bis über den Bauchnabel gerutscht.

Max pfiff durch die Zähne.

»Das ist Peepshow. Peepshow im Geräteraum«, hörte ich ihn sagen.

»Ich kann die Schule nicht sehen«, berichtete ich, »rechts ist der Schuppen mit so 'ner Art Bank an der Seite und links 'ne Hecke und dahinter die Mauer.« Ich drehte mich um. Do hatte sich auf den Bauch gelegt und ihren Kopf in die Hand gestützt. Sie wippte mit den Beinen und lächelte mich breit an.

»Wo hast du deine Kippe?« fragte ich sie. Do streckte den Arm vor und wedelte mit der Faust.

»Und wo hast du sie ausgemacht?«

Do stützte die Ellenbogen auf und schlug mit der leeren Hand ?ach auf die Matte.

»Mach das scheiß Fenster doch auf«, sagte Max, der schon auf dem Filter rauchte, »dann können wir die Kippen rauswerfen und den Laden lüften.«

Das Fenster war zweigeteilt und hatte einen Metallrahmen. Der längliche Fensterriegel war durch einen zusätzlichen verschraubten Stift gesichert, den ich vergeblich herauszudrehen versuchte.

»Geht nicht Max, da braucht man 'nen Spezialschlüssel oder so was.«

»Quatsch Spezialschlüssel, so 'n Fenster muß man doch aufmachen können«, blaffte Max und kletterte an Do vorbei, die dem schmaler werdenden Lichtkegel hinterherrollte.

»Okay Daniel Düsentrieb, laß mich mal versuchen.« Max schob mich beiseite und untersuchte das Fenster. Do lag gemütlich auf dem Mattenwagen, die Augen geschlossen, als wäre sie am Strand und würde ein Sonnenbad nehmen. Ich streckte meine Hand in den einfallenden Lichtstrahl, und ihr Schatten glitt über Do's Gesicht, ganz so, als würde ich Do streicheln. Sie spürte das wechselnde Licht und zog die Stirn kraus.

»Nicht das Licht wegmachen«, sagte sie leise und versunken, ohne die Augen zu öffnen, und ich hörte ihre Stimme so nah und eindringlich, als würde ich tatsächlich neben ihr liegen und sie streicheln. Ich spürte, wie ich rot wurde, und zog die Hand weg.

Do blinzelte und flüsterte maulig etwas auf Italienisch. Dann schloß sie die Augen und lächelte wieder.

Max hatte die Zunge zwischen die Lippen geschoben und war gerade dabei, seine Fingernägel an dem Stift abzubrechen. Dann drehte er sich zu mir um und schüttelte nachsichtig den Kopf. »Haste mal 'ne Mark, Alter«, fragte er mich. »Weißt schon: Spezialwerkzeug und so.« Ich streckte die leeren Hände aus.

»Moment«, rief Do, »ich hab eine.« Sie kniete sich hin und griff von oben in ihr Sweatshirt, direkt zwischen ihre Brüste. Max schlug sich die Hand vor die Augen und spreizte die Finger, um hindurchzulugen. Do suchte eine Weile herum und zog schließlich eine Münze hervor.

»Mein Gott«, konnte sich Max nicht verkneifen zu sagen, »ich möchte nicht wissen, was du noch alles unter deinem Sweatshirt versteckst.« Do warf die Münze vor sich auf die Matte und legte mit einem sehr überlegenen Räuspern den Kopf schräg. Sie mußte einen Brustbeutel um den Hals tragen. Aber da war kein Abdruck zu sehen, die Brüste hoben den Stoff ihres Sweatshirts wie ein großes Zelt über ihren Körper. Ich gab Max das Geldstück, und er beugte sich wieder tüftelnd über den Fensterriegel. Als er das Fenster schließlich geöffnet hatte und die frühsommerlich warme Luft in den Geräteraum drang, schnippte er triumphierend die Münze durch die Luft, fing sie auf und setzte sich neben Do auf den Mattenwagen. Herausfordernd hielt er ihr das Geldstück auf der Spitze des Zeigefingers vor die Nase. Ich wurde nervös, drehte mich zum Fenster und sah hinaus.

»Danke für den Kredit«, hörte ich Max sagen. Ich kam mir vor wie jemand, der mit der Eselsmütze in der Ecke steht, und schaute angestrengt und wie blöde hinaus in den Hausmeistergarten, in dem rein gar nichts passierte. Dann hörte ich Geraschel und das Schleifen von Stoff auf der Gummimatte. Ich schluckte. Plötzlich stand Do neben mir. Ich glaubte, den Boden unter meinen Füßen nachgeben zu fühlen. Do knuffte mich mit dem Knie in die Seite und lachte. »Na prima, du läßt jemanden das Fenster aufmachen, um dich dann als erster hinauszulehnen?« Ich fühlte mich mutig genug, um ihr ins Gesicht zu sehen. »Das gefällt mir, weißt du«, sagte sie leise, dann streckte sie ihre Faust aus dem Fenster, öffnete sie und pustete die Kippe und die Asche hinaus. Sie sah mich ruhig an. »Du hast Asche an der Wange«, flüsterte sie und fuhr mit ihrer warmen Handfläche langsam über mein Gesicht. Sie ließ die Hand kurz auf meiner Wange ruhen, und ich schloß die Augen. Max räusperte sich. »Und darf ich etwa wirklich das ganze Geld behalten«, fragte er gedehnt. Dann hörte ich, wie er die Münze in die Luft schnippte und leise seufzte.

Seit diesem Tag saßen Max und ich in unseren Freistunden auf der Bank hinter dem Schuppen, schrieben Hausaufgaben ab, rauchten und tranken warmes Dosenbier aus einem Depot, das wir in dem kaum handbreiten Spalt zwischen dem Schuppen und der Turnhallenwand angelegt hatten, gut getarnt mit Erde und welkem Laub. Niemand außer uns wußte von dem Versteck. Wir wollten einfach nur unsere Ruhe haben, einen Platz im Bereich der Schule, an den uns die Schule nicht folgen konnte und an dem ihre Regeln nicht galten. Erzählen wollten wir von unserem Versteck erst, wenn wir kein Risiko mehr eingehen mußten.

»Irgendwann«, sagte Max eines Tages, »wenn ich das Zeugnis in der Tasche habe, wird am Tag der offenen Tür, in der Aula, aus Versehen natürlich, eine ganz besondere Videokassette in die U-Matic-Maschine gestopft werden. Hart und ehrlich - und nicht jugendfrei.«

Ich versuchte es mir vorzustellen.

»Wir nennen es: alternative Lebensformen auf dem Schulgelände«, schlug ich dann lachend vor.

»Wir werden ein paar Statisten anheuern und hinter diesem scheiß Schuppen das alte Rom wieder zum Leben erwecken, aber den Teil, den wir in Latein nicht übersetzt haben. Wir werden im Fernsehen und in den Zeitungen zu sehen sein, mit Nummern unter unseren Gesichtern. Die Kids werden die Fotos wie Heiligenbildchen verehren und immer bei sich tragen, zum Beweis dafür, daß es in dieser schaurigen Gruft mal das echte, unzensierte Leben gegeben hat, den Director's Cut, inszeniert von zwei Junggenies, die Herzen und Nasen gebrochen haben und wußten, wie man eine Party feiert - skål!« Max knackte ein Bier auf und salutierte mit erhobenem Arm in Richtung Schulgebäude.

»Soviel Mühe habe ich mir in der gesamten Zeit hier noch nicht gegeben wie dafür«, meinte Max. »Das versprech ich dir.«

»Und ab und zu ein Schwenk hinüber zum Schulgebäude«, ergänzte ich.

»Na klar, sonst denken die, die Orgie steigt in irgend 'nem Schrebergarten.«

Max öffnete noch ein Bier und reichte es mir. »Und wir kidnappen Freddie, den bösen Hausmeisterhund«, fuhr er fort, »und jagen ihn alle drei Minuten durchs Bild. Das wirkt naturalistisch.«

»Oder surrealistisch«, argwöhnte ich.

»Egal, auf jeden Fall wird uns dann die Kunstlehrerin verteidigen, die steht auf so schräge Sachen. - Mann - ich glaub, da hab ich wirklich 'ne gute Idee gehabt.«

»Klar, das kommt an«, bestätigte ich.

Dann hörten wir plötzlich das Zurren. Der Hausmeister war kaum fünfzig Meter hinter uns dabei, den Rasenmäher anzulassen. Er fluchte. Wieder zog er am Anlasser. Der Motor heulte kurz auf, puffte heftig und schien zu laufen, dann soff er mit einem traurigen Blubbern erneut ab.

»Wieso mäht der jetzt - und wo hat er den Rasenmäher her?« fragte Max nervös und lugte kurz um die Ecke des Schuppens. Es war Mittag, und der Schulbetrieb lief noch. Normalerweise verrichtete der Hausmeister alle Arbeiten, die mit Lärm verbunden waren, nach Ende des allgemeinen Unterrichts, um niemanden zu stören.

»Ich möchte mal wissen, was in dem scheiß Schuppen ist«, flüsterte Max, obwohl der Hausmeister weit weg war. Dann hörten wir Freddie.

»Mist«, fluchte ich. Freddie bellte wütend den Rasenmäher an.

»Ob der uns riechen kann?« fragte Max ängstlich. Der Rasenmäher sprang endlich an. Freddies Bellen wurde lauter, im Augenblick schien er sich für Gerüche nicht zu interessieren. Kläffend umkreiste er Herrchen und Rasenmäher. Kumann war das gewohnt, er machte keine Anstalten, den Hund zu verscheuchen. Ich äugte vorsichtig um die Ecke.

»Wie lange braucht man, um diesen Rasen zu mähen? Wie lange dauert es, bis er hier hinten ankommt?« fragte ich Max.

»Woher soll ich das wissen, Mann, ich wohn seit 17 Jahren im 12. Stock, da gibt's keinen Rasen.«

»Und wenn wir jetzt einfach zurückklettern, vielleicht haben die den Geräteraum ja zugemacht«, schlug ich vor.

»Spinnst du«, sagte Max, »selbst wenn das Tor zu ist, was ich nicht glaube, werden die nachher irgendwas zurückstellen. Und was willst du dann sagen? Willst du ihnen erzählen, daß man dich vorgestern bei der letzten Sportstunde dort vergessen hat?«

Max hatte recht, es war Frühjahr, aber schon sehr warm draußen. Mannschaftsspiele, für die man keine Geräte brauchte, wurden auf dem Sportplatz auf der anderen Seite der Schule ausgetragen. Wenn man bei diesem Wetter in der Halle blieb, dann um zu turnen.

Ich sah auf die Uhr.

»Okay, die zweite Stunde hat gerade angefangen, es sind noch 30 Minuten.« Also warteten wir. Zuerst ließ sich der Hausmeister Zeit. Sorgfältig drehte er Schleife um Schleife von der Außenmauer bis zur Turnhallenwand und zurück. Freddie war im Haus verschwunden. Er hatte sich damit abgefunden, daß der Rasenmäher einen längeren Atem hatte und nicht zum Schweigen zu bringen war.

»Lahme Flasche«, meinte Max, »ich hätte den Rasen schon zweimal gemäht. Wenn der so weitermacht, ist er bis heute abend noch nicht hier.« Kurze Zeit später verlor der Hausmeister offenbar die Lust, denn er schob den Rasenmäher schneller. »So eine Lusche«, kommentierte Max, »jetzt mäht er den Rand nicht mal sauber aus.«

Wir hörten, daß in der Gerätekammer herumgeräumt wurde, aber die Sportstunde war noch nicht zu Ende. Kumann hatte es plötzlich sehr eilig. Er bewegte den Rasenmäher hastig über den Rasen, als hieße es, einen Rekord zu brechen.

»Jetzt flippt er aus«, staunte Max. Wir sahen ihn näher und näher kommen. »Das war's«, sagte Max, »überleg dir schon mal 'ne gute Entschuldigung.«

»Steine!« schrie ich fast. »Wir werfen Steine. Bei dem Tempo achtet er nicht mehr so genau auf den Rasen. Wenn er auf einen Stein fährt, geht entweder ein Messer kaputt, oder er hat wenigstens eine Weile zu fummeln.«

Max gab mir recht. Hastig klaubten wir ein paar Steine zusammen, die am Rand der Turnhallenmauer lagen. Der Hausmeister hielt weiterhin sein schweißtreibendes Tempo und bemerkte uns nicht. Nach Luft schnappend schoß er mit dem lärmenden Mäher über den Rasen. Ab und zu begann er, dabei laut eine Art abgehacktes Lied zu trällern, wie um sich innerlich zu beruhigen, aber diese Bemühung hielt nie lange vor. Er brach das Gepfeife ab und prustete wieder wie ein Walroß.

»Ich möchte mal wissen, wieso in aller Welt der so hetzen muß«, fragte Max, aber das wußte ich auch nicht. »Vielleicht gibt es irgendwas im Fernsehen oder er will einfach nicht zu spät zum Essen kommen«, meinte Max mitleidig lächelnd, als er den ersten Stein in hohem Bogen, wie beim Freiwurf, auf die Strecke des Hausmeisters warf. Max und ich mußten uns zusammennehmen, um nicht laut loszulachen. Kumann merkte nicht, daß Steine vom Himmel fielen. Von der Anstrengung betäubt, hielt er seine Augen nur auf den Mäher geheftet und stürmte wie ein Späher unter feindlichem Granathagel über den Rasen. Plötzlich gab es ein metallisch klirrendes Geräusch, der Motor überdrehte mit einem schrillen Jaulen, und Kumann rammte sich die Metallgabel des Rasenmähers in seinen Bauch.

»Scheiße, verfluchte!« hörten wir ihn schreien.

Dann stellte er den Motor ab und warf mit einem Tritt den Mäher auf die Seite, um die Messerwalze zu begutachten. Während er herumwerkelte und sich mit dem Handrücken den Schweiß von der Stirn strich, hörten wir Gerumpel und das Gequietsche von Turnschuhen im Geräteraum.

Als würde er unsere Sorgen teilen, schaute auch der Hausmeister auf die Uhr. Dann stand er auf, stürmte in Richtung Schulgebäude und machte schließlich auf halber Strecke halt. Er stützte eine Hand in die Seite, kratzte sich mit der anderen am Kopf und dachte nach.

»Paß auf, jetzt fällt ihm ein, daß er sein Werkzeug im Schuppen hat und kommt angewetzt«, meinte Max.

»Na und, wenn er nur die Tür aufmacht und hineingeht, sieht er uns nicht«, entgegnete ich. Nach einer Weile machte der Hausmeister eine verächtliche Geste mit der Hand, stapfte entschlossen zurück zum Rasenmäher, drehte ihn wieder um und eilte, das Gerät wie ein kaputtes Spielzeug hinter sich her schleifend, zurück zum Haus. Ein paar Minuten später verstauten Max und ich die leeren Bierdosen in einer Plastiktüte und kletterten durch das Fenster zurück in den Geräteraum. Der Sportunterricht war zu Ende.